Rethra (seltener: Rhetra, Riedegost)
war bis ins 11. Jh. ein slawisches Zentralheiligtum im Osten Mecklenburgs. Seine Lage wird seit mehreren Jahrhunderten vorzugsweise am Südende des Tollensesees oder im Gebiet der Lieps vermutet, ohne dass dafür bisher ein schlüssiger wissenschaftlicher Nachweis erbracht werden konnte.
Über die religiösen Kulte der Westslawen ist sehr wenig bekannt. Archäologische Quellen gibt es nur sehr wenige. Einerseits mag es daran liegen, dass das Holz bevorzugtes Baumaterial dieser Kulturen war und eventuelle Reste schwer zu lokalisieren und zu rekonstruieren sind.
Andererseits haben sich die Wenden mit Nachdruck und Härte gegen die Christianisierung gewehrt, so dass die letztendlich siegreichen Christen alle slawischen Heiligtümer zerstörten, und anscheinend nicht, wie früher üblich, an alten heiligen Stätten neue zum Zeichen der Überlegenheit errichteten. Die Erinnerung an Rethra sollte nachhaltig getilgt werden, was aus heutiger Sicht gelungen scheint.
Einer der drei Rethra-Chronisten, durch die wir etwas über Kult und Gesellschaftsstruktur der Liutizen erfahren, ist Thietmar von Merseburg (*975-+1018), der zu Beginn des 11. Jahrhunderts schrieb:
Im Redariergau liegt eine dreieckige und dreitorige Burg Riedegost, rings umgeben von einem großen, für die Einwohner unverletzlich heiligen Walde. Zwei ihrer Tore sind dem Zutritt aller geöffnet. Das dritte und kleinste Osttor mündet in einem Pfad, der zu einem nahegelegenen, sehr düsteren See führt. In der Burg befindet sich nur ein kunstfertig errichtetes, hölzernes Heiligtum, das auf einem Fundament aus Hörnern verschiedenartiger Tiere steht. Außen schmücken seine Wände, soviel man sehen kann, verschiedene, prächtig geschnitzte Bilder von Göttern und Göttinnen. Innen aber stehen von Menschenhänden gemachte Götter, jeder mit eingeschnitztem Namen; furchterregend sind sie mit Helmen und Panzern bekleidet; der höchste heißt Svarozic, und alle Heiden achten und verehren ihn besonders. (...) Jeder Gau dieses Landes hat seinen Tempel und sein besonderes von den Ungläubigen verehrtes Götzenbild, doch genießt die Burg Riedegost einen besonderen Vorrang. (Thietmar von Merseburg, Chronik, VI, 23-25)
Im pragmatischen Handbuch der Mecklenburgischen Geschichte (1780) zitiert Friedrich August Rudloff einen weiteren Chronisten, Adam von Bremen (+ 1081), der durch seine „Chronica Slavorum“ bekannt wurde, wie folgt:
Rethra, vier Tagesreisen von Hamburg, mitten in einem tiefen See belegen, ward nun eben so berühmt durch einen großen Tempel, worin ein goldener auf Purpur ruhender Radegast Götterkönig war, und öffnete seine neun Thore allen Opfernden und Rathfragenden aus der ganzen Nation.
Der dritte Chronist, Helmold von Bosau (*1120 - +1177) der nach der Zerstörung Rethras lebte, schrieb in seiner Slawenchronik, die Hannemann in seiner Schrift „Rethra“, 1985, Porta Westfalica, zitiert:
„Hinter dem ruhigen Lauf der Oder tritt uns nach den verschiedenen Stämmen der Pommern vom Westufer an das Gebiet der Wenden entgegen, soweit sie Tollenser oder Redarier genannt werden. Ihre bekannteste Hauptburg ist Rethra, ein Sitz der Abgötterei. Die Hauptburg selbst hat neun Tore und wird rings von einem tiefen See umschlossen, über den eine Holzbrücke Zugang gewährt.“
Sebastian Münster hielt neben Vineta auch das Heiligtum Rethra für erwähnenswert, und schrieb in seiner Cosmographia 1588 indem er die vorhandenen Quellen nutzte:
Item Rheta / da noch alte Urkundt unnd Anzeigung einer feinen Statt vorhanden unnd zu besichtigen / da etwan ein Tempel des Abgotts Radagast gewesen. Die Stadt hat sieben veste Thor gehabt / gerings umbher mit tieffen Wassergräben und See bewahret. Es meynt Albertus Krantz / daß sie im Landt Stargard sey gelegen gewesen / bey dem großen See / dieweil Stargard inn Windischer Sprach lautet ein alte Statt. Nach dem Antyrio dem ersten König der Werlen unnd Wenden ist das Königlich Regiment bey seinen Nachkömlingen ein lange zeit blieben / welcher aller unnd ein jeden fürnemlich deren so ungleubig Tyrannen gewesen sind / hie zu melden ohn nöthig ist.
Urkundlich überliefert ist die Zerstörung Rethras für den Winter 1068/69.
In „Arkona – Rethra - Vineta“, Berlin, 1926, schrieb Schuchard zur Rolle Rethras:
„Im Jahr 983 hatten die Sachsen den Obotritenfürsten Mistivoi schwer gekränkt. Er begab sich daraufhin nach Rethra und gewann die Prieserschaft für die Anzettelung eines großen Aufstandes der Slaven gegen die Christenheit.
Ums Jahr 1050 gingen zwei böhmische Mönche ins Wendenland, um das Christentum zu predigen; als sie aber nach Rethra gelangten, fanden sie den Märtyrertod.
1066 brach wieder ein allgemeiner Aufstand der Slaven gegen die Christen los, der anscheinend von Rethra aus geleitet wurde. Die Mikilinburg bei Wismar, in der schon ein christliches Bistum bestand, wurde erobert, der alte würdige Bischof Johannes, ein Schotte, weithin durchs Land geschleift und in Rethra dem großen Heidengotte geopfert…. Diese Untat löste nun aber einen großen Rachefeldzug aus, der, … dem streitbaren Bischof Burchard von Halberstadt übertragen wurde. Wir haben nur eine kurze Notiz in einer einzigen sehr wertvollen Quelle darüber, die besagt, Burchard sei in das Land der Lutizen gezogen, habe es verbrannt und verwüstet und sei auf dem von Rheda entführten heiligen Pferde ins Sachsenland zurückgeritten.“
Obwohl mittlerweile seit 700 Jahren versucht wird, Rethra zu lokalisieren konnte noch kein schlüssiger wissenschaftlich fundierter Nachweis erbracht werden.
Im Auftrag von Albrecht II. Herzog von Mecklenburg sollte Ernst von Kirchberg 1378 die Slavenchronik Helmolds weiterführen. In diesem Zusammenhang suchte er nach dem Standort von Rethra. Es waren aber bereits drei Jahrhunderte seit der Vernichtung des Zentralheiligtums vergangen. Der Plan mußte misslingen, aber Kirchberg ist derjenige, der die Suche nach Rethra ins Rollen brachte.
Im Mittelalter waren es Wissenschaftler und Schriftsteller wie Sebastian Münster
(* 20. Januar 1488 † 26. Mai 1552 in Basel) der in seiner Cosmographia (Erstausgabe 1544) auch Rethra beschreibt.
Ein wahrer Rethra – Boom ist im 18. Jh. Zu verzeichnen. Eine Reihe von Landkarten verzeichnen an unterschiedlichen Orten die Bezeichnung „Rethra“ oder „Rethre“.
Im Jahre 1768 schien „Rethra“ endlich gefunden. Zufällig waren im Besitz der alteingesessenen Goldschmiedefamilie Sponholz in Neubrandenburg kleine, mit Runen beschriftete Bronzefiguren aufgetaucht, die man für slawische Götzenbilder hielt. Einer Legende zufolge stammten diese Bronzen aus einem Bodenfund, den ein Vorfahr der Sponholzfamilie (angeblich) beim Pflanzen eines Baumes im Pfarrgarten in Prillwitz entdeckt hatte. Diese Figuren versetzten die norddeutsche Gelehrtenwelt in helle Aufregung, denn unter den (angeblich) wendischen Runen war vielfach das Wort „Rethra“ zu lesen und Prillwitz galt zu dieser Zeit allgemein als Stätte des sagenumwobenen Heiligtums. Zunächst erwarb ein privater Kunstsammler 35 dieser Figuren. Später gelangten 22 weitere, neue Götzenfiguren in den Besitz der herzoglichen Familie. Gideon Sponholz, jüngster Spross der Neubrandenburger Familie, galt seither als Geschichtsexperte. Er richtete das erste Museum in Neubrandenburg ein und durfte mit herzoglicher Genehmigung Ausgrabungen durchführen, die sehr erfolgreich waren.
Obwohl es von Anfang an Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Story, als auch an der Echtheit der nach ihrem angeblichen Fundort „Prillwitzer Idole“ genannten Bronzen gab, sorgten die Stücke bis weit ins 19. Jahrhundert hinein mehrfach für heftigsten Gelehrtenstreit.
Heute gelten die „Prillwitzer Idole“ gemeinhin als geschickte Fälschung der Neubrandenburger Goldschmiede. Zugleich stellen die heute im Bestand des Mecklenburgischen Volkskundemuseums Schwerin-Mueß verwahrten Stücke bedeutende Kunstobjekte des ausgehenden Rokoko dar. Ihre Entdeckungsgeschichte ging als Jahrhundertfälschung in die Geschichte Mecklenburgs ein.“ (Wikipedia, 2008)
Im Neubrandenburger Regionalmuseum im Treptower Tor gibt es eine interessante Dauerausstellung zum Thema „Auf der Suche nach Rethra“
Seit 2007 ist die Tollenseseeregion um ein künstlerisches Highlight reicher. "Rethra-Ein flammender Mythos" ein Pyro-Fantasie-Spektakel der Extraklasse begeisterte seit mittlerweile 2 Spielzeiten schon Tausende Besucher am Tollensesee.
Die rechts abgebildeten Karten stammen aus einer Privatsammlung.










